Operation Matterhorn I

Das Matterhorn („ds Horu“) mit einer seiner Widfahnen – Foto: aufgenommen als Fussgänger, odh

Die Bildung der Wolke im Lee eines Horns erwähnte der englische Meteorologe  C.E. Wallington um 1961. Für Piloten ist dies wichtig. So versteht man Aufwinde oder Turbulenzen im Lee eines Hindernisses oder wie hier im Lee eines Horns. So ist man vor Überraschungen gefeit!

„Korkenzieher“ Stromlinien

Wir schreiben den 08. Dezember 1991. Eine letzte Gelegenheit, dieses Jahr noch ein altes Versprechen einzulösen. Einen Alpenflug mit Franz J. sen., Franz J. jun. und Daniel O. Es herrschte Bise. Am Vormittag gab es noch Hochnebel, der sich zusehends auflöste. Ich informierte, dass wir es heute versuchen, sofern sich der Nebel weiter auflöste. Wir sollten vorsorglich etwas vor 14:00 Uhr auf dem Flugplatz sein. Die Nord-Südtäler in der Innerschweiz waren nun offen. Gegen den späteren Nachmittag war infolge der Abkühlung im Tagesverlauf wieder Hochnebel zu erwarten. Sollen wir fliegen, sollen wir nicht?

Kaltluftsee zeigt sich, Herbst in Nidwalden 2, Bild – Tourismus Nidwalden 2016 FB

Die Aufgelockerte Hochnebeldecke lässt Flüge zu. Schliesst sich decke infolge Abkühlung bleiben oft im Süden der Täler grössere Lücken offen. Dann sinkt man dort ab und unterfliegt die Hochnebeldecke.

Herst in Nidwalden, der Kaltluftsee zeigt sich Bild- Tourismus Nidwalden 2016 FB

Durch eine lockere Hochnebelschicht zu starten ist relativ einfach. In ein Loch in einer Nebeldecke abzutauchen ist etwas ganz anderes. Da muss man, zwischen Skylla und Charybdis, den Seeungeheuern, heldenhaft in die ewige Verdamnis hinab tauchen! Odyss nannten ich meine Schulkameraden, Held wollte ich jedoch nicht spielen! Es musste passen! Nach reiflicher Überlegung fiel der Entscheid: „Wir fliegen!“

Der Plan: Buochs-Reusstal-Furka Obergoms-Matterhorn – und gleicher Weg zurück. Je nach Hochnebeldecke war vorgesehen, allenfalls im hinteren Engelbergertal abzusinken. Ausweichmöglichkeiten: Locarno und Sion. Notfallmässig waren Ambri und Lodrino sowie allenfalls Thun, evtl. Meiringen  anzupeilen. Die weiteren Walliser Flugplätze wären auch noch zu erwähnen. Vorausdenken erspart allenfalls Stress! Der Start erfolgte um 15:25. Etwas spät, weil es um diese Jahreszeit früh dunkel wird.

Dani übernahm den Fotodienst. Franz senior, Jg. 1934, ein passionierter Berggänger und Bergsteiger wollte Sichtflugnavigation betreiben. Er durfte vorne rechts Platz nehmen. Erstaunlich, was er aus der fliegenden Plattform korrekt auf die Reihe brachte! Franz sen. war nicht nur Bergsteiger, er war auch ein passionierter „Strahler“. Er soll einst im Besitz einer grossen Sammlung wertvoller „Strahlen“ (Bergkristallen) von reinster Qualität und ansehnlich grosen Exemplaren gewesen sein. Wohin sie kamen ist bekannt, was daraus wurde scheint nebelhaft zu sein! Die jüngeren Semester, die beiden Fussballfans, ehemalige Junioren des FC Altdorf, nahmen hinten Platz. Fliegen sei aus seiner Sicht kein Sport sagte das Bewegugungsnaturel Dani einst. Da müsse man ja den ganzen Tag nur sitzen…

Niemand war erkältet, alle konnten den Druck im Ohr ausgleichen. Angst, das war für alle ein Fremdwort. In Buochs herrschte noch etwas Hochnebel, der aber „blau“ durchliess. Die Sicht betrug anfänglich etwa 10 km auch unter der Hocndbeldecke und darüber auch mehr. Seelisberg war schon früh ausserhalb von Nebel, das hatte ich vorher kontrolliert – an einer verlässlichen Adresse. Nach dem Verlassen des Ausflugs hielt ich Richtung Niederbauen.

Vor uns der Niederbauen. Links die Mythen und darunter das lockere Nebelmeer.

Die „Robine“ (eine Robin DR 400 – 180 R) trug uns rasch an Tristelen unterhalb der Klewenalp vorbei. Wir liessen Niederbauen Kulm links und glitten übers Bocki direkt über den Urnersee. Da lag Franz‘ Gebiet vor ihm. Er fühlte sich heimisch und schon bald kamen Bemerkungen wie, da sind wir einst aufgestiegen, dort haben wir biwackiert, da mussten wir die Übung wegen schlechten Wetters abbrechen usw.

Franz sen. hat alles im Griff

Nach dem Passieren des Niederbauens öffnete sich das Reusstal in formidaler Kondition! Franz, der Bergsteiger kennt jede Ecke! Er könnte mehrere Tage über seine Touren und Besteigungen, „Bergfahrten“, wie er in seinen Notizen schreibt, erzählen!

Reusstal mit Blick zum Bristen, links davon das Etzlital, ennet dem Tal der Oberalpstock; im Tal die Anzeichen für die spätere Nebenldecke

Etzlihütte – Piz Giuv

(…) Unter der Woche habe ich mit Gnos Franz abgemacht, ob wir nicht irgend wohin wollen. Etzlihütte meinte er, da bin ich einverstanden aber an diesem Morgen das Wetter ist gar nicht einladend und der Nebel hängt bis 1000 m herunter. Trotzdem packe ich zusammen und gehe mit dem Fahrrad nach Bristen. Wie ich zu Franz komme, ist dieser noch nicht aufgestanden. Frau Gnos sagt, dass er sofort komme, sie habe ihn geweckt. Nach einer halben Stunde ist er schon abmarschbereit. Durch das steile Bord gehts aufwärts weiter zur Herrenlimi. In der Rüti treffen wir schon auf den ersten Schnee an. Vom vorderen Etzliboden gehen wir auf der linken Seite die blaue Gand zum Rossboden da werden die Skie angeschnallt. Steil gehts durch die Mitte des Bachs aufwärts an einem Ort kommt er schon zum Vorschein (der Piz Giuv). Um 1/ 11 Uhr sind wir bei der Hütte. In des schien sich das Wetter zu bessern.  Der Nebel hat sich grösstenteils verzogen und die Sonne lacht herab. Kaffee wird zubereitet kräftig gegessen. Nachher steigen wir los, hinauf gegen den Piz Giuv. Die Felle kleben sehr gut bei dem nassen Schnee. Nach 2 Std. Aufstieg erreichen wir die Lücke. Sehr kalter Wind weht hier oben. Die Skier werden auf der Lücke zurück gelassen. In einer Viertelstunde sind wir oben auf dem Gipfel. 3091 m ü. M. Fast sofort beginnen wir den Abstieg, Die Ski werden angeschnallt und hinunter gehts, ein Kehr nach dem anderen. Ideale Verhältnisse. Weiter unten kommt einer herauf, mutterseelenallein. Wir fragen ihn, wohin er wolle. Zum Gipfel, er wolle auch wieder zur Etzlihütte herunter kommen. So setzen wir unsere Fahrt fort, rasch sind wir unten. In der Hütte wird Tee gekocht. Es sollte noch einer herauf kommen, Tresch Josef. Wir begeben uns vor die Hütte und schauen hinauf, wie der herunter fährt. Erst gegen 4 Uhr kommt er in Sicht es muss ein guter Tourenfahrer sein. Cirka um 1/2 5 Uhr befindet er sich bei der Hütte. Gegen 1/2 6 Uhr kommt Tresch hier an. Rasch wird das Nachtessen zubereitet. Hörnli gibts. Er meldet, dass noch zwei ältere Männer herauf kommen. Natürlich hätte wir lieber gehabt es wären Damen da. Mit Genuss werden Hörnli gegessen. Hie und da gehen wir hinaus, um Ausschau zu halten wegen dem Wetter. Bös hängt der Nebel an den Hängen der Mittelplatte. Um 7 Uhr kommen noch mehrere Touristen vom Tal hinauf. Der Fremde, das muss ein netter Bursche sein. Er fragt uns, ob er auch mitgehen kann, morgen. Selbstverständlich denn es ist ein guter Gänger.)“ aus: „Bergfahrten im Sommer und Winter 1961“, von Franz Jauch sen.

„Im mittleren Teil der Wand“ – Windgällensüdwand (Maderanertal)

Franz sen. kennt die Geografie weit herum so gut fast wie seinen Hosensack. Selbst die REGA holte ihn als Ratgeber, als es darum ging, Vermisste zu finden und zu bergen. Alles was Rang und Name hatte in der Innerschweiz, vor allem im Kanton Uri, hat er bestiegen. Aus den Notizen geht hervor, dass die Kameraden vorsichtig agierten, das Gelände richtig ansprachen und Begehungen abbrachen, wenn es gefährlich wurde. Der Gefahren war man sich stets bewusst. Schmökert man in seinen Aufzeichnungen, fallen folgende Orte oder Namen, oft mehrmals:

Mittaghorn im Fellital, Nordwand Wingällen, Schwarz Stöckli Salbit Südgrat mit Gipfelnadel, Salbit Südostwand, Windgällennordwand (Maderanertal), Windgällen Südwand (Maderanertal), Walliser Tourenwoche im Mattertal,  Schlossberg Südwand (Erstfeldertal), Griesstal-Sewli-Wingällennordwand bis Einstieg in den Westgrat (Maderanertal), Alpgnover Südwand zum Westgipfel (Maderaner Tal) Höhlenstock Westkante (Maderanertal), Leutschach Furt, Krönten Südturm (Leutschachtal, Ruchenfensterturm (Maderanertal) Hüffihütte über Alpgnoferälpli, Hälsigrat – Klein- und Gorss Scherhorn, Höhlenstock (Maderanertal), Salbit Südgrat, Leutschachhütte,

Im untersten Teil der Wand – Windgällensüdwand (Maderanertal)

leutschachhütte-Arni-Sunniggrat -Ruchälplistock – Jakobiger -Leutschachhütte, Grindelwald, Eigenordwand Mittelegihütte Mittelegigrat, Gwasmet Pucher-Ruchenfensterstock-Ruchenfensterturm, Voralphütte, Feckistock-Kartigel-Voralp, Wintertouren: Hochfulen-Griesstal-Unterschächen, Fellilücke-Trechhütte-Amsteg, Göscheneralp-Cehlenhütte-Sustenhorn-Voralp; Etzlihütte-Piz Giuv; Krüzlipass-Oberalpstock-Regenstaldenfirn Mänli Südgrat (Leutschachtal), Begehung zur grossen Strahlenhöhle-Voralp im Aufstieg, usw.!

Andermatt, wir befinden uns über dem Bäxberg. Blick Richtung Gurschen- und Gemsstock.

Andermatt (1447 m ü. M.) passierten wir in guter Höhe! Aus unserer Position über dem Bäxberg hatten wir eine wunderbare Aussicht. Gurschenstock, Gemsstock im Hintergrund den Pizzo Centrale, das Alptal und links des Etzlitals ragte der Piz Giuv (3096 m ü.M.) hervor, wo Franz sen. natürlich auch schon oben war! Markant ist der Gurschenwald, der Schutzwald über Andermatt!

gen Wsten Links der Tragfläche etwas verdeckt liegt das Witenwasserental, links der Pizzo Rotondo und weiter hinten der Basodino
Navigator Franz sen. ist bei der Sache und er hat den Überblick!
Unser Navigator hat das Ziel längst in Sicht! Es zu erreichen war nun ein Pappenstiel!
Dom, 4545 m. ü. M.

Franz sen. erklärte, der Dom sei der höchste Berg der Schweiz, der ganz auf Schweizerboden stehe. Klar, Franz sen. war auch auf dem Dom! „(…) Um 9 Uhr stehen wir auf dem Domgipfel, klar die Sicht und ein umwerfliches Panorama nach allen Himmelsrichtungen. Ein kurzer Halt schalten wir ein und stärken uns mit kräftiger Kost. Haben im Sinn, über die Mischabelgruppe zum Täschhorn zu steigen und nachher hinunter zur Täschhütte. Der Abstieg über den Domsüdgrat erfordert grosse Vorsicht wegen dem losen Gestein. Der Grat zieht sich unheimlich in die länge… Es kommt eine Seilschaft auf uns zu, die vom Täschhorn herunter kommt…. Es ist ein Walliser Bergführer, Hermann Petrig aus Zermatt. Er ist Führerobmann. Er ratet uns ab, weiter zu steigen da auf der Südflanke vom Täschhorn alles vereist ist… Auf seinen Vorschlag gehen wir sofort ein, da er ja Verhältnis, Wind und Wetter besser kennt als wir. Er steigt voraus. Wir klettern mit etwas Abstand hinten nach….)“

Das Zil rückt näher

Links vom „Horu“ sehen wir den Dent d’Herens 4171 m ü. M. vor dem „Horu“ der Furgg-Gletscher, in der Senke der Theodulpass, 3478 m ü. M.

Ds „Horu“ (das Horn). Hoffentlich hält der Permafrost!
Der Tag neigt sich, die Sonne nocheinmal kurz vor uns
Noch die Nordwestseite zum Anblick und abdrehen
Zinal Rothorn 4221 m ü. M.
Weisshorn, 3974  m ü.M.
Franz senior fühlt sich wohl hier oben. Es war weniger anstrengend als zu Fuss!
Die Sonne verzieht sich am Horizont jetzt kommt noch das Guet- Nachtgschichtli!

Der Rückflug Richtung Goms-Furka war sehr zäh. Der Gegenwind in der Höhe war stärker als angenommen. Ich hatte zeitweise das Gefühl des Stillstandes in der Luft! Im Goms endlich angekommen musste ich einsehen: Buochs via Andermatt und Reusstal war zeitlich nicht zu erreichen und falls es stark zugemacht hatte, wäre es für ein Alternate auch eng bis unmöglich geworden. So änderte ich den Kurs um via Grimselpass ins Haslital zu fliegen. Ich sah mir den Übergang zum Melchtal an: Wegen zu geschlossen! Gleiche Situation beim Übergang in das kleine Melchtal. Nun war klar was folgte: Landung in Meiringen! Vom Brünig ergoss sich eine dicke, zähe Wolkenmasse über den Pass, die sich im absinkenden Teil auflöste. Also war bei der Landung mit starkem Seitenwind zu rechnen. Der Anflug erfolgte absinkend via Brienzwiler und Hofstetten. Über dem westlichen Ballenberg erfolgte die Landekurve von 180 °. Der Querwind war sehr stark. Mit stark hängendem linken Flügel und entsprechend aufkreuzend konnte ein stabiler Endteil geflogen werden. Die Anflugachse zur Piste schnitt ich leicht von rechts ausserhalb an. Die Diagonale sollte den Windeinfluss etwas brechen. Kurz vor dem Aufsetzen nahe am rechten Pistenrand konnte ich aufrichten und kurz danach aufsetzen. Das Ausrollen ging diagonal bis gegen den linken Pistenrand. Schliesslich stand der Uhu still. Die Zeit: 17:05.  Der Querwind hätte 90 km/ 90° zur Pistebetragen, wurde mir erklärt! Es kam rasch ein „Followme“. Ich soll hinten nach rollen. Wir wurden vor einen kleinen Hangar gelotst, wo das Tor schon offen war. Dann ging alles sehr schnell. Formalität erledigen. Landegebühr von Fr. 7.- (!) entrichten, für den vorzüglichen Service bedanken, nach Hause anrufen, damit Brigitte uns abholt und Übermittlung der besten Grüsse an den Chef der Betriebsgruppe Meiringen, Oberst Walter Schild – wir leisteten zusammen Dienst, gleichzeitig in der UO und später in der Fl Kp 11 – er als Zugführer. Ich durfte ihn als „Wenzel“ in die Gegebenheiten unseres Flugbetriebs einführen. Kleine Welt! Nun warteten wir auf einen weiteren „Followme“: Brigitte ist sofort abgefahren und sie traf auch schon bald ein. Eine ereignislose Rückfahrt über den Brünig bis Buochs, wo die beiden Franz den unter die Räder in den Kanton Uri nahmen.

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Die zweite Etappe: Meiringen via Sustenpass – Buochs wird nachgeliefert.

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18. 11. 18 => Operation Matterhorn II


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