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Mehr als 39 Stunden pro Woche tödlich?

Vor 200 Jahren schufteten Angestellte 15 Stunden am Tag, teils noch länger. Feiertage gab es kaum. Heute ist es  angenehmer.

Der elektrische Strom gab die Möglichkeit, in Fabrikhallen länger zu arbeiten. In den Baumwollspinnereien wurde um 1820 bis 14 und 15 Stunden gearbeitet. Weit mehr als im Gewerbe.

Es waren Arbeitnehmer selbst, die kürzere Arbeitszeiten forderten, denn sie erlebten hautnah, dass das Familienleben dadurch litt, mehr Krankheiten auftraten und, dass die psychische Belastung zu gross war.

Die Glarner Landsgemeinde legte  1864 im Fabrikgesetz den 12-Stunden-Tag fest.  Es folgte 1877 das eidgenössische Fabrikgesetz  mit 11 und am Samstag 10 Stunden. Es schützte aber nur Beschäftigte in Fabriken. Jene in Dienstleistungen und Gewerbe und die Angestellten bekamen diesen Schutz nicht.

Das Fabrikgesetz von 1919 legte die 48-Stunden-Woche fest.  Das Arbeitsgesetz von 1964 wurde weitgehend auf fast alle Arbeitnehmenden ausgedehnt. Es ermöglichte in industriellen Betrieben sowie für Büropersonal, technische und andere Angestellte, mit Einschluss des Verkaufspersonals in Grossbetrieben 46, in andern Bereichen 50 Stunden. Der Bundesrat nutze seine Kompetenz zur Verkürzung um eine Wochenstunde erst 1975 zum noch immer gültigen Wert von 45 Stunden. Die effektive Arbeitszeit eilt aber der gesetzlichen Regelung voraus und liegt heute bei etwas unter 42 Stunden.

Engels:  „Die Arbeit der Weiber löst die vor allen Dingen die Familie gänzlich auf, denn wenn die Frau den Tag über 12-13 Stunden in der Fabrik zubringt und der Mann daselbst, oder an einem anderen Osrt, was soll da aus den Kindern werden?  Sie wachsen wild auf wie Unkraut, sie werden zum Verwahren ausgemietet für einen oder anderthalb Schilling die Woche, und welch eine Behandlungihnen da wird lässt sich denken….“

Mehr: Zur Geschichte des Kampfes um die Arbeitszeit in der Schweiz

Ich erinnere mich an die 52-Stunden-Woche meines Vaters, dann ging es abwärt auf 48 – weniger erreichte er nicht – 46, 44, 42 wurden in vielen Betrieben eingeführt.

Als ich 1959 als „Boy“ (Einsatz vor der Lehre) antrat, waren es 46 Stunden die bald auf 44 abgesenkt wurde. Am Samstag war frei! Im Bundesbetrieb nebenan arbeitete man noch 48 Stunden und an jedem 2. Samstag am Vormittag. Die Betriebe des Bundes unterstanden nicht dem Fabrikgesetz.

„(…) Wer langfristig zu viel arbeitet, gefährdet seine Gesundheit. «Alles über einer 39-Stunden-Woche kann Sie umbringen», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Peter Flemming von der University of London in einem Interview mit der «Welt» (Artikel zahlungspflichtig).

Schweizer arbeiten am meisten

Die Schweizer sind demnach besonders gefährdet. Laut Bundesamt für Statistik wurde 2016 in keinem anderen EU-Land mehr gearbeitet. Gemäss Arbeitsgesetz gilt eine maximale Arbeitswoche von 45 Stunden für die meisten Branchen.

Ob die Schweizer weniger gesund sind als andere müsste auch noch festgestellt werden.

Die Lebenserwartung der Schweizer gehört mit zu den höchsten Werten (2015) weltweit!

Der Europäische 2015 Gesundheistbericht zeigt auch keine gewaltigen Auffälligkeiten der Schweiz gegenüber anderen Ländern!

Betrachtet man den Demografischen Wandel, die Lebenserwartung  und die Mortalitätstrends in Europa, fällt die Schweiz in der europäischen Region nicht signifikant auf. Daraus kann folgt, dass sich die längere Arbeitszeit kaum generell auf die Gesundheit auswirkt.

Uns wurde über Jahre gepredigt (Arbeitgebervertreter), dass die Schweiz längere Arbeitszeiten brauche um konkurrenzfähig zu bleiben. Damit könne kompensiert werden, dass das Land über keine natürliche Ressourcen verfüge und keinen direkten Zugang zum Meer habe.

Grundsatz (Artikel 9 ArG, Artikel 2 ArGV 1):

Die wöchentliche Höchstarbeitszeit beträgt45 Stunden pro Woche für Arbeitnehmende in industriellen Betrieben, Büropersonal, technische und andere Angestellte, Verkaufspersonal in Grossbetrieben des Detailhandels
50 Stunden pro Woche für alle übrigen Arbeitnehmenden.

Flexibilisierung (Artikel 22 ArGV 1):

In Betrieben mit witterungsbedingtem Arbeitsausfall oder mit erheblichen saisonalen Schwankungen des Arbeitsanfalles kann die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 bzw. 50 Stunden um höchstens 4 Stunden verlängert werden, sofern sie im Durchschnitt eines halben Jahres nicht überschritten wird.

Für Arbeitnehmende mit einer im Durchschnitt des Kalenderjahres gewährten 5-Tage-Woche kann die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 Stunden um 2 Stunden, sofern sie im Durchschnitt von 8 Wochen nicht überschritten wird, oder um 4 Stunden, sofern sie im Durchschnitt von 4 Wochen nicht überschritten wird, verlängert werden.

Lehrer kritisierten ihre 48-Stundenwoche Ein Vergleich mit einer Milchmädchenrechnung:

Std a) Angestellte (42

b) Lehrer (48/42

c) do, 48/48

e) CH

Jahr, 52 W à 42/48 Std

2184 Std

2184 Std

2496 Std

1950 Std

Ferien 4-6 W , Mittel. 5 W

260 Std

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Ferien Lehrer, 23 Wo à 42/48/37,5 Std

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966 Std

1252 Std

862 Std

Feiertage: 10 Tg bzw. 2 W

104 Std

104 Std

104 Std

104 Std

Produktive Zeit/ Nettoarbeitszeit

1820 Std

1114 Std

1140 Std

984 Std

Differenz zu a)

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706 Std

680 Std

836 Std

 2072 Stunden arbeiteten Schweizer Lehrer im Jahr 2009 im Durchschnitt. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage im Auftrag des Lehrerdachverbandes LCH unter 1854 Lehrern aus der Deutschschweiz.Es kämen noch ca 110 Überstunden dazu – es muss furchtbar sein!

Die Soll-Arbeitszeit der Lehrer ist unterschiedlich geregelt; in den meisten Kantonen beträgt sie 1950 Stunden! Umfrage in eigener Sache. Das ist wohl kaum seriös!

Die Nettoarbeitszeit kann man als produktive Stunden bezeichnen. Im Vergleich zum Angestellten bzw. einem Facharbeiter in der Produktio,n gibt es beachtliche Differenzen. Nicht berücksichtigt ist die Arbeit der Lehrer während den Ferien. Da gibt es bestimmt grosse Unterschiede. Ebenfalls ist die regelmässige Fort- und Weiterbildung der Lehrer nicht berücksichtigt. Sie ist grösser, als jene für Angestellte und Facharbeiter. Auch nicht berücksichtigt ist, dass die Lehrerschaft in Lektionen arbeitet, was die produktive Arbeitszeit noch zusätzlich kürzt. Man stelle sich eine industrielle Produktion oder die verschiedenen Berufe im Gewerbe und im Bau vor, mit lektionsweiser arbeit!

Stammtisch: „Was ergibt es, wenn vier Lehrer zusammenstehen?“ => „Ein Jahr Ferien!“ Dies stimmt wohl kaum. 5,4 Wochen betrügen die Ferien der Lehrer in der Schweiz – wers glaubt! Niemand weiss es genau, so gut, wie niemand die Fluktuation bei den Lehrern kennt!

Bildergebnis für Böse Lehrer Karikatur

Dass die  Volksbildhauer die unheile Kinderstube ihrer Schützlinge im Dauerauftrag zu reparieren haben, wird weniger diskutiert. Eltern zu erziehen wäre Aufgabe von jemanden anders! «Wenn alle Kinder die Begriffe Bitte, Danke und Entschuldigung kennen und situationsgerecht anwenden würden, wäre schon viel gewonnen!» Wie sollen Kinder es wissen, wenn ihre Alten davon kaum eine Ahnung haben?

„(…) Alle haben gleich viel Zeit: In der Arbeitswelt geht es wie im übrigen Leben darum, dass alle Menschen in der Gesellschaft integriert sind: Die Hochmotivierten und die Minimalisten, die Hochbegabten und die weniger Begabten, die Hocheffizienten und die weniger Effizienten, die Superkreativen und die weniger Kreativen. Die Uhr ist unter diesen Umständen das objektivste Messinstrument überhaupt, um zu messen, ob alle ihren Teil zum Gesamtergebnis beitragen

Die Zeit ist das am gerechtesten verteilte Gut der Erde. Alle Menschen erhalten von der Natur täglich gleich viel davon. Nicht alle Menschen haben jedoch intellektuell oder vom Körperbau her die gleichen Voraussetzungen zur Arbeit. Wenn es um eine gerechte Arbeitsteilung und um vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen geht, dann ist die Zeit die wichtigste Grundlage – und zwar nicht die gefühlte oder die vereinbarte, sondern die tatsächlich gemessene Arbeitszeit… )“

Arbeitszeiterfassung, die geltenden Betsimmungen:

„(…) Der Bundesrat hat Ende 2015 den SECO-Entwurf zur Änderung der Arbeitszeitverordnung definitiv verabschiedet. Seit dem 1. Januar 2016 ist die Verordnungsrevision in Kraft. Die neuen Bestimmungen beinhalten zum einen den gänzlichen Verzicht auf die Erfassung der Arbeitszeit für gewisse Personenkreise (Art. 73a ArGV 1) und zum anderen eine stark vereinfachte Erfassung für bestimmte Arbeitnehmende (Art. 73b ArGV 1). Beide Ausnahmebestimmungen scheinen jedoch fragwürdig – nicht nur, weil die vom Bund beabsichtigte Vereinfachung der gesetzlichen Grundlagen durch die komplizierten neuen Verordnungstexte nicht eintreten dürfte….

Zwei Klassen:  Art. 73a ArGV 1 befreit Arbeitnehmende, die bei der Gestaltung ihrer Tätigkeit über eine grosse Freiheit verfügen und ihre Arbeitszeit mehrheitlich selber bestimmen können, gänzlich von der Zeiterfassung. Zudem muss ihr Bruttogehalt mindestens 120 000 Franken (inkl. Boni usw.) pro Jahr betragen und es muss ein GAV vorliegen. Wenn jedoch gewisse Kategorien von Mitarbeitenden auf die Erfassung der Arbeitszeiten verzichten dürfen, dann stellt sich die Frage, nach welchen logischen und eindeutigen Kriterien man diese Kategorie von Mitarbeitenden definiert. Die Verordnungsrevision geht davon aus, man könne die Lohnbemessung als Grundlage dafür nehmen: Mitarbeitenden mit einem Lohn von über 120 000 Franken darf man zutrauen, nach Gefühl zu arbeiten Mitarbeitenden mit weniger Lohn nicht. Auch diese Idee ist problematisch. …)“

Die überdurchschnittlich vielen Lehrer, die in ein  Burnout fallen,  den psychischen Belastungen nicht genügen oder frühzeitig frustriert ihren Beruf an den Nagel hängen korrelieren kaum mit der vergleichsweise geringen produktiven Arbeitszeit und der Behauptung, dass mehr als 39 Stunden Arbeit pro Woche sehr schädlich sei. Jene die den Mut nicht haben, ihre erreichte Unfähigkeit bzw Inkompetenz einzugestehen (Peter-Prinzip ) weichen auf Ersatzhandlungen aus. Sie verteilen z.B. ihren Frust oder ihr Gift auf andere.

Bildergebnis für Lehrer als Mobber Karikatur
Bild: SlidePlayer.org

In Betrieben, wo der Druck von oben hoch ist, die Zeit für alles zu knapp ist, die Prioritäten ändern bevor eine prioritäre Arbeit beendet ist, ein autoritärer Führungsstil herrscht, Löhne gedrückt werden, ein mieses Klima herrscht, grosse Fluktuation herrscht und Konkurrenz von Tieflohnempfängern herrscht, kann man es auf die Dauer auch mit 25 Stunden pro Woche nicht aushalten! Wer motiviert ist und in einem angenehmen Klima tätig ist, kann mehr als 39 Stunden dauerhaft ertragen.

Mit nichten! Hinter dem Mond in Obwalden, wie oft von aussen angedichtet wird, hat alles seine Ordnung
In Obwalden beträgt die Jahresarbeitszeit für Lehrer 1928 Stunden. Aufteilung:

  1. Unterricht 82,5% = 1591 Arb.-Std; Lektionen: Die Regel ist: 29 Lektionen für ein Vollprogramm
  2. Lernende 5% = 96 Arb.-Std ; Lernbegleitung inkl. Gespräche mit Erziehungsberechtigten
  3. Schule 7,5%, = 145 Arb.-Std; schulinterne Aufgaben gemäss Führungshandbuch, Schilw 4-8 Veranstaltungen während der unterrichtsfreien Zeit
  4. Lehrperson  5% =  96  Arb.-Std; pers. Weiterbildung, institutionelle Weiterbildung – kantonal, interkantonal, Selbstreflexion

Mehr: https://www.lvo.ch/fileadmin/mo/lvo/images/Arbeitsgruppen/APLASCH%C3%9CH/Arbeitsplatz-Schule.pdf
Der Schulferienplan: http://www.ow.ch/de/verwaltung/dienstleistungen/?dienst_id=1992

Die Verordnung über das Anstellungsverhältnis der Lehrpersonen (Lehrpersonenverordnung) sieht 1907 effektive Arbeitsstunden vor! =>  Verordnung über das Anstellungsverhältnis der … – Kanton Obwalden – 

Warum die Differenz von 21 Stunden?

Lehrer haben aufgrund der Lektionen stets kleine Pausen. Dies sollte sich auf die Leistungsfähigkeit positiv auswirken wi man aus der Industriellen Prodiktion weiss. In der Jahresarbeitszeit von 1928 Stunden sind die Ferien nicht ersichtlich! Es heisst lediglich, dass die Ferien während den Schulferien zu beziehen seien…