Ein Stück Segelfluggeschichte zu neuem Leben erweckt

AeCS Zögling, HB-429, Foto: NZZ

Diese Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahr 1926: Damals konstruieren die deutschen Segelflugpioniere Fritz Stamer und Alexander Lippisch einen einfachen Schulgleiter, welchen sie «Zögling» nennen. Der Stamer-Lippisch-Zögling wird in der Folge tausendfach nachgebaut und laufend weiterentwickelt. 1937 gibt der Aeroclub der Schweiz (AeCS) den Ingenieuren des Eidgenössischen Luftamtes den Auftrag, den Zögling noch sicherer zu machen. Das Resultat ist der sogenannte AeCS-Zögling. Unter «sicher» versteht man in erster Linie ein gutmütiges Verhalten des Schulgleiters bei einem Strömungsabriss. Ein solcher tritt ein, wenn der Pilot zu langsam fliegt. Beim AeCS-Zögling wird die Geschwindigkeit ohne Unterstützung eines Instruments anhand der Lage gegenüber dem Horizont und anhand des Fahrtgeräusches gesteuert.

Die Flugtechnische Zentrale Belp baut in der Folge insgesamt knapp zwanzig AeCS-Zöglinge, darunter – als Teil einer letzten Neunerserie – die Nr. 429. Am 11. Oktober 1944 – also vor etwas über 75 Jahren – startet der AeCS-Zögling HB-429 zu seinem Erstflug. Das Luftamt legt den vom Piloten unterzeichneten Flugprüfungsbericht in einem Dossier ab, welches der spätere Käufer des Schulgleiters, Thomas Fessler, Jahrzehnte später im Bundesarchiv aufstöbern wird.

Nach Österreich verschenkt?

1948 geht der AeCS-Zögling HB-429 via die Schweizerische Segelflugschule Bern (SSS) an die Segelfluggruppe Grenchen. Dort ist der Schulgleiter allerdings nur kurz im Einsatz und wird nach einem Bruch nicht mehr repariert. Robert Mathys, Materialwart der Segelfluggruppe Grenchen, erklärt dem Luftamt im November 1952, dass der Zögling 1950 nach Österreich verschenkt worden sei. Denn inzwischen ist die Zeit der einsitzigen Schulgleiter vorbei; neu erfolgt die Schulung auf zweisitzigen Segelflugzeugen am Doppelsteuer. So kann der mitfliegende Fluglehrer jederzeit eingreifen und Bruchlandungen vermeiden.

Tatsächlich aber landet die HB-429 gar nie in Österreich, sondern bleibt in einer Hangar-Ecke auf dem Flugplatz Grenchen liegen. Später verschenkt die Segelfluggruppe Grenchen das ausrangierte Fluggerät der Stiftung Museum Grenchen, die es in einem Keller einlagert. Dort entdeckt es Fessler 1984. Er will das Unikat restaurieren und wieder in die Luft bringen. Das Museum aber hat andere Pläne. Der Schulgleiter soll im geplanten Museum ausgestellt werden. Doch 1999 stellt das Museum fest, dass das Flugzeug mit seinen zehn Metern Spannweite zu sperrig für die neu eröffneten Ausstellungsräume ist. Im Mai 2007 kann Fessler das Gerippe des Schulgleiters doch noch kaufen. Der Zustand hat sich seit 1984 allerdings massiv verschlechtert.

Fessler bringt den Zögling in die 2010 gegründete Schweizer Stiftung Segel-Flug-Geschichte ein, die unter anderem die Erhaltung historischer Segelflugzeuge bezweckt. Der pensionierte Werner Roth – ein gelernter Schreiner und leidenschaftlicher Segelflugpilot, der in seinem Leben bereits mehrere historische Segelflugzeuge restauriert hat – und einige seiner Kollegen beginnen am 16. Oktober 2011 in Weinfelden mit der umfassenden Restauration des AeCS-Zöglings. Der Aeroclub der Schweiz unterstützt das Projekt mit einem Beitrag aus seinem Aviatikfonds. Das Verkehrshaus der Schweiz stellt aus seinem Fundus das fehlende Seitenruder zur Verfügung.

Belastungsprobe mit Sandsäcken

Nach vier Jahren Arbeit ist der Rohbau 2015 fertiggestellt. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) verlangt vor dem Bespannen eine Belastungsprobe. Am 27. Oktober 2015 legt das Bauteam den Zögling auf den Rücken, bockt ihn auf und belädt die Flügel mit Sandsäcken. Fessler erinnert sich: «Meine Belastung war höher als jene des Flugzeuges.» Alles bleibt im grünen Bereich. Roth bespannt Leitwerk und Flügel mit Baumwollstoff. Beim letzten Anstrich mischt er Aluminiumpulver in den Spannlack, was die authentische graue Farbe ergibt. Das Aluminium war früher als Schutz vor den UV-Strahlen gedacht.

Völlig unerwartet verstirbt Roth am 7. Februar 2017 während einer Routineoperation. Ein Jahr später transportiert Fessler den AeCS-Zögling in einem speziell angefertigten Anhänger zurück nach Grenchen. Die Rumpfhöhe von mehr als zwei Metern sprengt die Dimensionen eines normalen Segelflugzeuganhängers. Das korrekte Einstellen der Spanndrähte verlangt viel Geduld und Ausdauer. Die Menschen, die sich damit auskennen, sind längst gestorben.

Das Bazl tut sich anfangs schwer mit dem Umstand, dass ein amtliches Dokument, laut dem der AeCS-Zögling nach Österreich verschenkt worden ist, nicht mit der Realität übereinstimmt. Schliesslich aber wird die HB-429 wieder ins Schweizer Luftfahrzeugregister aufgenommen und am 27. Juni 2019 von zwei Experten des Bazl geprüft.

Am 23. Juli 2019 ist es so weit: Fessler schnallt sich auf dem offenen Sitz des AeCS-Zöglings an und stellt seine Füsse auf ein drehbares Brett. Die rechte Hand umfasst ein in alle Richtungen bewegliches Metallrohr. Kein einziges Instrument ist an Bord. Fliegen pur. Der erste Start erfolgt im Autoschlepp und führt nur wenige Meter über den Boden. Alles klappt bestens, Fessler ist glücklich. Für ihn geht ein 35 Jahre alter Traum in Erfüllung. Nach weiteren Autoschlepps mit unterschiedlichen Seillängen und Flughöhen erlaubt das Bazl Schleppversuche mit einem Ecolight-Motorflugzeug. Auch das funktioniert am 12. und 13. Oktober 2019 einwandfrei.

Schnell wieder am Boden

Die ersten öffentlichen Demonstrationsflüge erfolgen an Fluganlässen in Bellechasse, Langenthal und Olten. Das Publikum ist begeistert und applaudiert. Die Wochenzeitung «Wiggertaler» schreibt von den «tollkühnen Männern mit ihrer fliegenden Kiste». Das ist übertrieben; ein ausgebildeter Segelflugpilot kommt mit dem Zögling gut zurecht – vorausgesetzt, er berücksichtigt bei seiner Flugtaktik das bescheidene Gleitvermögen. Die weltbesten Segelflugzeuge können aus einer Höhe von 1000 Metern ohne Aufwinde 70 Kilometer weit fliegen. Der AeCS-Zögling schafft knapp 7 Kilometer. Schlechter gleitet nur das Spaceshuttle: 4,5 Kilometer.

GBMZ Zögling, HB-362, Rev. SG NIdwalden
August Hug – 29.08.1894 – 30. März 1983

Auch die SG Nidwalden betrieb einst Zöglinge.

Zögling – Zelt, Zeichnung: August Hug

Dann aber kam ein Karpf-Baby, HB-403, zum Einsatz. Später wurde im Baulokal der SG Nidwalden ein GBMZ-Zögling unter der Regie von Edi Lischer so hergestellt, dass dieser im Verkehrshaus der Schweiz gezeigt werden konnte. Konstrukteur des GBMZ-Zöglings: Ing. August Hug.

GBMZ: Gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft Zürich „?“…. es bedeutete etwas anderes, wie mich René Vetterli belehrte: Gesellschaft in memoriam Bider-Mittelholzer-Zimmermann. Als Initiant zeichnete Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler):

Karpf-Zögling der SG-Zwingen, heute Dittingen – Foto: Stefan Gschwind

Ich bin nie einen Zögling geflogen. Aber eine Sitzprobe durfte ich auf dem Karpf-Zögling, HB-461, der SG Zwingen, heute Dittingen nehmen. Nun, das Fliegen auf einem solchen „Unfallgeländer“ reizte mich nicht besonders. Das Karpf-Baby als unterste Stufe genügte mir. „Man soll niemanden zwingen von Laufen nach Zwingen zu laufen“! So ähnlich spürte ich es in mir! Ausserdem: Ein Zürcher Segelfliger meinte einst: Das Verhältnis zwischen Bauen und Fliegen sei zu Zöglings Zeiten etwa bei 4000:1 gewesen. Als ich zur „Zunft“ stiess, war von 100:1 die Rede – schon ein gewaltiger Fortschritt!

Der Otto Maier Verlag, Ravensburg, gab 1932 in Spiel und Arbeit den Band Nr 38 mit dem Titel: Segelflugzeug, Anleitung zum Selbstbau heraus. Autor: Hans Jacobs, Techn. Assistent der Flugtechnischen Abteilung der Rhön-Rosittengesellschaft heraus.

Nichts für Handy-Freaks:

Für Interessierte: WERKSTATTPRAXIS FÜR DEN BAU VON GLEIT- UND SEGELFLUGZEUGEN VON HANS JACOBS TECHN. ASSIST. IM FORSCHUNGSINSTITUT DER RHÖN-ROSSITTEN- GESELLSCHAFT

Segelflugzeug, Anleitung zum Selbstbau von Hans Jacobs

Das Buch mit den Bauplänen ist in meinem Archiv. Wer sich damit befasst, bekommt gleichzeitige eine handwerkliche Ausbildung! Der Pionier hat seinen Leistungsausweis erbracht: Entworfene Luftfahrzeuge: DFS 230, DFS Habicht, Slingsby Petrel, DFS Rhönsperber, DFS Reiher, DFS Weihe, DFS Seeadler

Und die „Moral“ der Geschichte: Zu Zöglings Zeiten rissen sich Interessierte fast die Beine aus dem Körper um einmal fliegen zu können. Der Aufwand war enorm, die Belohnung: wen’s ging gab es einige Sekunden pro Tag. Falls aber einer am Morgen nach den ersten paar Hüpfern bereits einen Bruch hinlegte, hiess es reparieren…. Die Angelegenheit glich der Arbeit von Sisiphos! Heute wo perfektes Flugmaterial vorhanden ist, nimmt das Interesse stetig ab! Verkehrte Welt!

Und noch ein Aspekt: Mit der heutigen Überregulierung wäre dies alles nicht möglich gewesen… Damals hatten Praktiker und technisch Versierte oder technisch Ausgebildete das Sagen. Heute sind es Juristen…


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